Miss Mongolia
In der Hotellobby habe ich den Schuhputzjungen kennen gelernt. Heute ist ein besonderer Tag. Es finden das alljährliche Wrestlingturnier statt und als Krönung die Miss-Mongolia-Wahlen, die noch seltener abgehalten werden. Ich fragte den Jungen, ob er sich nicht auch zum Wrestler ausbilden möchte. Er erklärte mir, er könne körperliche Schmerzen nicht leiden. Er wolle später einmal MC werden, um am Fernseher über die Armut in seinem Land berichten zu können. Ein neuzeitlicher Troubadour, so stellt er sich das Ganze vor. Natürlich würde er sein Geld nach Hause zu seiner Familie schicken. Ich bezahlte ihm einen neuen Haarschnitt und er strahlte über das ganze Gesicht. So cool habe er noch nie ausgesehen, beteuerte er. Sonst schneide ihm immer die Mutter die Haare. Danach gehe ich alleine ans Turnier, da er wieder arbeiten musste.
Mich verblüffte vor allem die Kombination von Anmut und Zähigkeit der Kämpfer. Zum Teil muteten ihre Körper in der knappen Tracht beinahe mädchenhaft an. Die Mädchen jedoch waren noch um einiges zarter. Ich frage mich, wie sie es anstellen, sich nicht die Knöchel zu verstauchen mit den beeindruckend hohen Nadeln, die ihre schlanken Beine ins Unendliche... Aber genug davon. Ich bin von der mongolischen Haute Couture zutiefst beeindruckt. Vor allem von den Hüten! Als es dunkel wurde, ging ich in ein Karaoke-Lokal. Alle einheimischen Gäste wollten, dass ich ihnen etwas vorsinge. Ich bin etwas scheu und Lieder auf Englisch hatten sie auch keine. Sie enttäuschen wollte ich allerdings auch nicht.
Als ich verschwitzt wieder von der Bühne kam, beachtete mich schon niemand mehr. Ich wusste nicht, wie ich dies deuten sollte, und kehrte kurz darauf ins Hotel zurück. Als ich die Tür öffnete, blinzelte mich eine Kreuzung zwischen Igel und Spitzmaus vom Nachttischchen an. Da es nachts draussen bitterkalt ist, richtete ich ihm ein Nest in einer Pappschachtel ein. Wenigstens muss ich heute nicht alleine einschlafen. Ein bisschen einsam ist es manchmal schon, wenn man immer unterwegs ist...



