Wenn die kleinen Kaiser flügge werden
von michael ostheimer, 28. Mai 2005 [...] Nur wer eine ausnehmend hohe Punktzahl in der nationalen Hochschul-Aufnahmeprüfung erreicht hat, bekommt die Chance, an der ältesten staatlichen und (neben der benachbarten und eher natur- und ingenieurwissenschaftlich orientierten Qinghua-Universität) renommiertesten Universität Chinas zu studieren....
...Aufgewachsen in der Regel als behütete Einzelkinder, von denen um der guten Noten willen die Niederungen des Alltags sowie die Verlockungen des Heranreifens ferngehalten wurden, heisst es nunmehr für sie, auf eigenen Beinen zu stehen.... Die ist auch gefragt, treffen doch plötzlich grossstadterprobte Unternehmer- und Kaderkinder, die finanzielle Sorgen nur vom Hörensagen kennen, auf Bauernkinder aus entlegenen Gegenden, die ihre Heimat noch nie verlassen haben und für deren Unterstützung die gesamte Verwandtschaft zusammenlegt. Doch die Regeln sind für alle gleich: Sie haben sich zu viert oder zu sechst ein Zimmer in den - nach Geschlechtern getrennten - Wohnheimen zu teilen und die vier Studienjahre bis zum Bachelor- Examen im Klassenverband nach Stundenplan zu verbringen.
...Der Germanistik-Professor Wang Bingjun bringt das Dilemma auf die Frage: «Wie sollen chinesische Studenten Individualität entwickeln, wenn sie nie ein Zimmer für sich allein haben?»... Da das Ergebnis in der Hochschul- Aufnahmeprüfung auch über den Fächerzugang entscheidet, stehen viele angehende Studenten vor dem Problem, zwischen dem Ansehen einer Hochschule und dem Wunschfach abwägen zu müssen.
...Vor allem für die Studienanfänger stellt die Mischung aus Emanzipation von den Eltern, Konformitätsdruck und einer für das weitere Fortkommen notwendigen Selbstdisziplin oft eine Überforderung dar.... Sosehr das Bewusstsein, einer bestimmten Hochschule anzugehören, als Distinktionsmerkmal gegenüber anderen Studenten verinnerlicht wird, so sehr gilt das Motto: Die Mauern meines Campus bedeuten die Grenzen meiner Welt.
...Vor diesem Hintergrund gehört es in Chinas Hochschullandschaft zu den wohl bemerkenswertesten Entwicklungen der letzten Jahre, dass der Frontalunterricht vielfach abgelöst wurde durch dialogische Lernformen und eine offene Gesprächskultur.
...Denn für Politik interessieren sich heutzutage nur noch wenige Studenten, auch Philosophie und neue künstlerische Entwicklungen stehen nicht mehr hoch im Kurs.... Obwohl Chinas Akademikerquote noch weit hinter der westlicher Industrieländer herhinkt, hat sich die Arbeitsmarktsituation für die Absolventen in den letzten Jahren erheblich verschlechtert. [...]


